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Stricken in schwierigen Zeiten – die 1930er und 40er Jahre – Teil I

(Dieser Text wie auch die demnächsten folgenden Teile basiert auf einem Vortrag, den ich 2015 über ‚Knitting in Difficult Times‘ gehalten habe)

Um die Strickmode der 1930er und 40er Jahre besser zu verstehen, würde ich gern ein paar Sätze über die Atmosphäre in jener Zeit voranstellen – sozusagen ein bisschen historischer Hintergrund für die Jahre vor dem 2. Weltkrieg.

Historical background

Die 1930er Jahre kamen gleich nach dem großen Börsenkrach von 1929, der heute als ‚Schwarzer Freitag‘ bekannt ist. Dieser Börsenkrach führte zu einer weltweiten Wirtschaftskrise. Viele Menschen verloren ihr Geld, ihre Ersparnisse, und was vielleicht am schlimmsten war – ganz viele verloren ihre Arbeit.

Diese Grafik hier veranschaulicht das besonders schön. Sie zeigt das wirtschaftliche Wachstum in Großbritannien während der 1930er Jahre — alle Säulen der Statistik zeigen nach oben, nur die für die Jahre 1930 und 31 zeigen nach unten – das waren wirtschaftlich betrachtet die schlimmsten Jahre.

Während dieser so genannten Großen Depression war Arbeitslosigkeit das Hauptproblem, das unmittelbare Folgen für den Alltag der Menschen hatte. Es gab kaum Arbeit, und die wenigen Jobs, die es gab, waren miserabel bezahlt. Sehr viele Menschen in der gesamten westlichen Welt — Europa, Nordamerika, Australien oder Neuseeland — waren sehr arm und konnten ihre Familien oft nur mit Mühe ernähren.

Suppenküchen wie die hier in Australien waren ein verbreiteter Anblick.

 

Die Große Depression erreichte ihre schlimmste Phase um 1932, als mehr als ein Drittel der Bevölkerung arbeitslos war. Kurz danach nahm die Wirtschaft langsam wieder Fahrt auf — in unterschiedlichem Maße, je nachdem, in welchem Land man sich befand — aber ehe es zu Stabilität kommen konnte und die Menschen zur Ruhe kamen, brach der zweite Weltkrieg aus.

Die 1930er Jahre begannen also mit der Weltwirtschaftskrise und endeten mit einem weltweiten Krieg, aber zwischen diesen beiden deutlichen Einschnitten in der Geschichte gab es, das darf man nicht vergessen, bei allen Menschen auch ein ganz normales Leben. Man verliebte sich und trennte sich wieder, man heiratete, bekam Kinder, freute sich, trauerte — Alltag eben.

Dieser Alltag wurde abgesehen von den persönlichen Lebensläufen, von der Gesellschaft geprägt, und hier gab es ganz gegensätzliche Einflüsse. Auf der einen Seite waren diese Jahre von Nationalismus der fatalsten Sorte geprägt, und es war eine sehr rückschrittliche Zeit. So gab es zum Beispiel Regierungsprogramme zur Beschaffung neuer Arbeitsplätze, die dafür warben, dass verheiratete Frauen nicht berufstätig sein sollten – ein Einkommen pro Familie sollte genügen. Dabei waren Frauen schon seit dem ersten Weltkrieg in den verschiedensten Berufen aktiv.

 

Auf der anderen Seite gab es Fortschritt und Weltläufigkeit. Die 1930er Jahre waren jene, in denen die Welt zum ersten Mal bedeutend enger zusammenrückte: Flugzeuge kamen als Transportmittel auf, und trotz der Tatsache, dass es noch immer mehr als einen Monat dauerte, um von Europa nach Australien oder Neuseeland mit dem Schiff zu reisen, war Charles Lindbergh nach seinem Atlantikflug eine Art Superstar geworden, und auch Frauen wie Amelia Earhart oder Elly Beinhorn flogen mit ihren kleinen Maschinen von Europa nach Afrika, nach Australien oder zu irgendeiner Insel, von der nie zuvor ein Mensch gehört hatte, und jeder konnte alle Einzelheiten darüber in Zeitungen wie der ‚Berliner Illustrierten‘ lesen — natürlich mit Fotos.

Das ist, in ein paar wenigen Sätzen, der historische Hintergrund für das Alltagsleben mit Strick, sozusagen, das hier das Thema ist.

Mehr dazu – und dann auch mehr mit Strick – gibt es im zweiten Teil. Fortsetzung folgt demnächst 😉

Strickjacken – und das Stricken in schwierigen Zeiten

Die Rückkehr zu den Dirndljacken brachte mich dazu, mich wieder mit der Mode der 30er und 40er Jahre zu beschäftigen – der Strickmode und dem Stricken in der Vorkriegszeit und den Kriegsjahren. Dazu habe ich vor zwei Jahren einen Vortrag gehalten beim Strickfestival auf der dänischen Insel Fanö. In diesem Vortrag habe ich versucht, das Phänomen ‚Stricken‘ in den historischen Kontext der damaligen Zeit zu stellen – wer strickte damals, warum überhaupt – und natürlich: was wurde gestrickt. Da ich diesen Vortrag so vermutlich nie wieder halten werde, habe ich beschlossen, ihn hier häppchenweise zu veröffentlichen – und anders als die meisten anderen meiner Einträge wird dieser Vortrag auch auf Englisch abrufbar sein – das war die Sprache, in der er ursprünglich verfasst wurde. Wer mag, kann also in den nächsten Tagen und Wochen hier ein bisschen reinschnuppern in die Geschichte der Strickmode … stay tuned!

Handgearbeitete Dirndljacken – back again …

Ich muss gestehen, ich bin rückfällig geworden. Ich kann es nicht lassen. Das Stricken lässt mich einfach nicht los. Traditionelles Handwerk fasziniert mich nun einmal, und Strick bietet da so viele Möglichkeiten. Und da ich tief im Herzen noch immer die Historikerin in mir trage, ist es vor allem das traditionelle Strickhandwerk, das es mir angetan hat. Vor allem da, wo sich Strick mit anderen Techniken kombinieren lässt, mit Stickerei zum Beispiel. Und obwohl ich ja aus dem hohen Norden stamme, sind es vor allem die Dirndljacken, auf die ich immer wieder zurückkomme. Besonders populär waren diese Strickjacken in den 30er und 40er Jahren, auch im angloamerikanischen Raum, in den fünfziger Jahren kamen sie auch hier bei uns wieder – und dann in den 80ern, mit der ersten großen ‚handmade‘ – Welle, dann gleich noch einmal. Handwerk mit historischem Bezug – einfach zu verlockend.

Und so habe ich wieder damit angefangen – Jacken, in den verschiedensten Farben und Mustern, gestrickt und mit Stickereien versehen. Eine ganze Reihe von Modellen sind noch in der Pipeline, aber die ersten sind fertiggestellt und fotografiert. Übrigens alles auf dem Hof, auf dem sich auch meine Werkstatt befindet – das passende Ambiente zu diesem schönen folkloristischen Stil, den ich einfach zeitlos finde. Ein paar Eindrücke? Natürlich gern 🙂