Schlagwort: 50er Jahre Filmtipp

The Marvelous Mrs. Maisel (Serientipp …)

Ich gebe zu, die Serie gibt es schon seit ein paar Tagen. Wochen. Monaten inzwischen. Aber ich musste sie mir erst einmal ganz ansehen. Und da ich dann unbedingt weiter sehen wollte, dauerte es etwas, bis die Zeit zum Schreiben da war. Aber jetzt:

New York, Upper West Side, in den 50er Jahren. Schick, elegant, wer weiblich ist und Geld hat, trägt Dior und Signalfarben, Handschuhe und Pfennigabsätze, und die haarspraygestählte Frisur hält, genau wie das Make-up, auch noch in der Nacht. Jedenfalls so lange, bis der Gatte auf der anderen Seite des Bettes fest schläft, dann schleicht sich die gut organisierte musterhafte Ehefrau nämlich unbemerkt ins Bad, schminkt sich ab und trägt die Nachtpflege auf, die – selbstredend – wieder durch perfektes Make-up ersetzt ist, ehe der Gatte sich nach dem Weckerklingeln den Schlaf aus den Augen gerieben hat.

Dass das bonbonbunte Seriensahnestückchen “The Marvelous Mrs. Maisel” mit Schein und Sein, mit der äußeren Fassade und dem brodelnden Inneren spielt, dürfte spätestens nach dieser Szene jedem klar sein. In den 50ern hatte man zwar die Schrecken des Kriegs vergessen machen wollen durch eine Organisation des Alltags, der bis ins letzte Detail makellos zu sein hatte, die Frauen, die im Krieg harte Arbeit geleistet hatten, wurden von der Pariser Haute Couture wieder in zarte Blüten verwandelt, deren Hauptaufgabe es zu sein schien, das Leben des Mannes zu schmücken, zu bereichern und zu erleichtern. Und mittendrin Miriam “Midge” Maisel. Tochter aus gutem Hause, verheiratet und Mutter zweier Kinder, stellt sie die Bilderbuchfrau der späten 50er Jahre dar: Stets gepflegt, elegant vom makellos perfekt frisierten Haar bis in die Spitzen ihrer hocheleganten Pumps, ein Bild wie aus dem Modemagazin. Doch die späten 50er Jahre lassen schon die aufbegehrenden 60er erahnen. Camus und Sartre hatten ihre epochalen Werke schon veröffentlicht, in den Jazzclubs trafen Existentialisten auf Beatniks. Dazu möchte auch Joel gehören, der Mann an Mrs. Maisels Seite. Tagsüber geht er in der Firma seines Vaters brav einem langweiligen Bürojob nach, abends versucht er sich in einem Kellerclub als Stand Up Comedian, begleitet, unterstützt und gecoacht natürlich von Midge. Doch dann platzt die Idylle: Joel hat eine Affäre mit seiner Sekretärin, und Midge? Midge betrinkt sich, fährt in den Club, in dem sie zahllose Male mit Joel gewesen ist und seine Auftritte beobachtet hat, will sich ihren Kummer und ihren Zorn von der Seele reden, stellt sich auf die Bühne, und – der Rest ist Geschichte, und darin kommen Applaus, nackte Brüste, eine Arrestzelle und die Aussicht auf eine völlig andere Art von Leben vor. Aber das geht natürlich nicht einfach so.

Die Frau hinter dieser Serie ist Amy Sherman-Palladino, aus deren Feder schon die Gilmore-Girls hervorgangen sind, und ein bisschen Lorelai steckt auch in Mrs. Maisel. Wie das Mutter-Tochter-Paar aus Connecticut lebt auch die Geschichte von Midge von Wortwitz, Timing und Tempo. Aber Mrs. Maisel ist es anzumerken, dass auch Amy Sherman-Palladino reifer geworden ist. Waren die Gilmore-Girls schlagfertig und optimistisch, kommt bei Midge Maisel zu dieser bewährten Mischung noch eine gehörige Portion Bissigkeit dazu.

Die Geschichte der “Marvelous Mrs. Maisel” spielt zwar im New York der 50er Jahre, und natürlich ist das ein “period movie” mit viel Liebe zum Detail in Ausstattung und Kostüm, ein Fest fürs Auge. Und natürlich sind viele Szenen überzogen, daraus bezieht die Serie einen großen Teil ihres Witzes. Trotzdem ist die Geschichte nicht in den 50ern verhaftet, sondern hält uns allen einen Spiegel vor. Hat sich wirklich so viel geändert in der Grundstruktur der Gesellschaft seit damals, abgesehen davon, dass wir keine Hüftmieder und Lockenwickler mehr tragen müssen? Ich war mir beim Anschauen zuweilen gar nicht so sicher. Das macht aber nichts. Ganz im Gegenteil.

Eine großartige Serie. Rachel Brosnahan als Mrs. Maisel (ich habe eine ganze Folge gebraucht, um in ihrem Gesicht das von Rachel aus “House of Cards” wiederzuerkennen) ist perfekt in dieser Rolle und hat mit Alex Borstein eine Partnerin, mit der sie in guter alter Screwball-Tradition blitzgescheites Wort-Pingpong spielen kann. Hoffentlich kann die zweite Staffel halten, was die erste versprochen hat. Keep your fingers crossed!

Seit dem 26. Januar gibt es Mrs. Maisel bei amazon auch in einer deutschen Synchronfassung zu sehen. Ich empfehle allerdings unbedingt das Original 🙂