Schlagwort: Friedrich der Große

Sommer mit Seide

Es ist heiß, ungewöhnlich heiß. Vielleicht ist es nicht einmal die Hitze, die ungewöhnlich ist, aber deren Dauer – ich kann mich nicht erinnern, dass es in den letzten Jahren einen Sommer mit so vielen regenlosen Tagen gab, an denen die Sonne tatsächlich unermüdlich von einem jeden Tag wieder strahlend blauen Himmel schien. Der Boden ist aufgebrochen, von Rissen durchzogen, das Gras braun, genau wie die Blätter, die jetzt schon unter unseren Füßen rascheln, wenn wir uns in den Morgen- oder frühen Abendstunden zwischen Feldern die Beine vertreten. Mensch und Tier brauchen Bewegung, Sommer hin, Hitze her.

Das Tier ist ein Trüffelschwein und schiebt die Nase unentwegt über den Boden, an den Pferdeäpfeln drängen wir ihn elegant vorbei – aber die Beeren, die auf dem Weg liegen, haben es ihm angetan. Sie sehen fast aus wie Brombeeren, wachsen aber an baumhohen Sträuchern – ob die essbar sind, oder gar giftig für das Tier? Stadtmenschen, die wir sind, haben wir keine Ahnung, und das lokale Wissen hält sich auch in Grenzen, also schlagen wir zu Hause nach. Und was entdecken wir? Wir sind Tag für Tag unter Maulbeerbäumen spazierengegangen. Maulbeerbäume! Die Historikerin in mir ist schlagartig hellwach – trotz 30 Grad im Schatten – und weckt die Faservernarrte gleich mit auf, die Visionen von feiner, schimmernder Seide hat. Im alten China wurde mit dem Tode bestraft, wer es wagte, Seidenraupen oder deren Eier außer Landes zu schmuggeln, und wozu wurden Maulbeerbäume hauptsächlich angepflanzt? Genau – als Futter für diese Tierchen, aus deren Kokons diese über Jahrtausende begehrteste aller Fasern gewonnen wurde. Und hier säumen diese Bäume Trampelpfade zwischen dürren Getreidefeldern in Brandenburgs Nirgendwo. Sowas!

21.000 Maulbeerbäume standen zur Regierungszeit des Alten Fritzen in der Umgebung des Schlosses Sanssouci, und jeder, der auch nur ein Fitzelchen Land zur Verfügung hatte, wurde seinerzeit genötigt, sich damit zu beschäftigen, auf dass Preußen unabhängig werden könnte von Importen aus dem Ausland, war Seide doch ein begehrter Stoff für elegante Roben und feine Wäsche. An der Seidenproduktion haben sich schon andere vor Friedrich II. versucht, aber er war derjenige, der dieses Projekt groß aufziehen wollte. Friedrich hat überhaupt eine Menge ehrgeiziger Projekte auf den Weg gebracht. So begründete er in Brandenburg mehrere Kolonistendörfer, um die Tuche für die Uniformen herstellen zu können, von denen große Mengen gebraucht wurden – Weber, Spinner, Färber wurden hier angesiedelt. Eines dieser Dörfer ist Schönwalde im Norden Brandenburgs, das heute zu Wandlitz gehört. Am Dorfeingang erinnert eine Büste an den prominenten Gründer des Ortes, und auch die Dorfstruktur zeigt den Gedanken, der dahinter stand: Gleich große Grundstücke für alle, ausreichend, um eine Familie zu ernähren, so lange die Frauen sich mit den Garnen beschäftigten, durften die Männer ein Handwerk ihrer Wahl ausüben. Auch Weinbau sollte betrieben werden – schließlich war Preußens König ein Mann, der einen guten Tropfen zu schätzen wusste. Und so wurden flugs auch gleich Terrassen für die Reben angelegt. Aber der Süden Brandenburgs ist nun einmal nicht das Rheintal oder die Mosel, und so ließ die Qualität der Trauben rein geschmacklich doch zu wünschen übrig, und ebensowenig, wie es den Alchemisten gelang, aus unedlen Zutaten Gold zu machen, ließ sich aus Preußens Trauben ein edler Tropfen gewinnen: Wein blieb in Preußen ein Nischenprodukt.

Ein ähnliches Schicksal befiel die Seidenraupenzuchtpläne, die Friedrich der Große gehegt hatte. Seine Landwirte hatten keine Erfahrung mit den empfindlichen Pflanzen, und das Klima war den Maulbeerbäumen ebenfalls nicht bekömmlich. Zu rau, zu kalt, zu windig. Maulbeerbäume stammen aus subtropischem Klima und brauchen wärmere Regionen, um sich wohlzufühlen, eine Umgebung,, die ihnen freundlich gesonnen ist und sie sanft behandelt – stürmisches Wetter mit Regenfronten ist nicht das, was ihnen behagt, und schneereiche Winter schon gar nicht. Sie bevorzugen es dann einzugehen. Und so wurde es nichts mit der Seidenproduktion in Preußen, denn wenn die kleinen Tiere ihre Leibspeise nicht bekommen, es also keine Maulbeerblätter für die Raupen gibt, dann gibt es auch keine Kokons. So war das. Keine Seidenmanufakturen für Preußen – oder jedenfalls nicht genug, um damit auftrumpfen zu können.

Das Interesse an Seidenproduktion ließ im Laufe der Zeit überhaupt nach, und so überlebten sich die Pläne allmählich. Übrig blieben nur die Maulbeerbäume. Immer mal wieder wurden ein paar nachgepflanzt, teils, weil man die Hoffnung nicht ganz aufgeben wollte, dass es doch noch etwas werden könnte mit der Seidenproduktion, teils, weil Maulbeeralleen einfach zum Landschaftsbild dazu gehörten, historisch betrachtet. Ein paar gibt es heute sogar noch, die vielleicht noch der alte Fritz persönlich gesehen hat, als sie noch kleine Setzlinge waren, Baumschulkinder sozusagen. Offenbar konnten sich diese Bäumchen anpassen.

Das wäre inzwischen vermutlich nicht einmal mehr nötig. Klimatisch wären wir jetzt angekommen, wie mir scheint, für die Maulbeerbaumzucht. Ich überlegte, mir ein solches Bäumchen anzuschaffen. Nicht für die Seidenproduktion, ich würde die Sache mit den Raupen und den Kokons nicht übers Herz bringen. Aber die Beeren sind lecker. Leider habe ich festgestellt, dass die Bäume nach etwa sieben Jahren zum ersten Mal Früchte tragen. Ich glaube, da fehlt mir die Geduld. Gehen wir also weiterhin unter den Maulbeerbäumen spazieren und freuen uns über den unerwarteten Fund an unerwarteter Stelle. Botanische Geschichte sozusagen. Faszinierend.

Porzellan aus Schlesien – der Zauber von Silesia (Teil 1)

“Eigentlich fing alles bei einer Tasse Kaffee an”  – das sollte mein erster Satz werden, aber so ganz passt es nicht. Es fing nämlich genau genommen nicht mit einer Tasse Kaffee, sondern mit einer Kaffeetasse an, oder, noch genauer – sogar mit zweien.

Bei einer meiner Touren durch die einschlägigen Läden und Märkte im Umland sah ich in einem der zahllosen  Regale mit zahllosen Dingen, von denen möglicherweise viele kein Mensch jemals mehr brauchen wird, zwei Tassen mit Untertassen stehen. Nun gibt es auf Flohmärkten und in Trödelläden Kaffee- und anderes Geschirr zu Hauf, manches ist nett, vieles – naja, und so ging ich erst einmal an den Tassen vorbei. Aber wie es mir schon ein paarmal ergangen ist, wenn mein Blick eigentlich nur oberflächlich über etwas hinhuschte – da war etwas, das mir aufgefallen sein muss, das mich ansprach und mich veranlasste, noch einmal zurück zu gehen und genauer hinzusehen.

Zwei Kaffeetassen. Wer gelegentlich durch Trödelläden und über Flohmärkte zieht, weiß: Es gibt unendlich viel Plunder und Ramsch. Aber ab und zu ist mal etwas richtig Schönes dabei – und ganz gelegentlich finde ich einen Schatz. Aber erst einmal – auf den ersten Blick zwei Kaffeetassen. Auf den zweiten Blick fiel mir das Dekor auf – das war nicht der typische 50er-Jahre-Stil, das war anders. Jugendstil? Art Deco? Art Deco auf dem Weg zum Jugendstil? Ganz sicher war ich nicht so bei schummeriger Beleuchtung, im Gedränge und in Eile. Die Marke konnte ich nicht zuordnen: Königszelt Silesia. Nie gehört. Mitgenommen habe ich die Tassen trotzdem.

Erst zu Hause auf dem Tisch fiel mir ihre ganze Schönheit auf, und nach ein paar Recherchen hatte ich die Marke erklären können und gelernt, dass meine Kaffeetassen aus der Zeit um 1900 und ein bisschen stammen, zwei Kriege überstanden hatten und eine Menge Wirrnisse und Aufregung. Zwei Tassen der Marke Königszelt Silesia wohnen seither in unserem Küchenschrank.

Und damit nahm eine Faszination ganz neuer Art ihren Anfang: Die für Schlesisches Porzellan.

Silesia – das berühmte “weiße Gold” aus Schlesien

Meissen, KPM, Nymphenburg – das sind die ganz großen Namen deutscher Porzellankunst. Allerdings blieben die Pretiosen aus deren Werkstätten für eine sehr lange Zeit königlichen und fürstlichen Tafeln vorbehalten. Porzellan wurde nämlich nicht nur ‘weißes Gold’ genannt, es war in der Tat Gold wert, spülte es doch wie im Falle der Königlich Preußischen Manufaktur KPM, die 1751 mit Unterstützung Friedrichs des Großen gegründet wurde, nicht nur Ruhm und Ehre, sondern neben Glanz auch bares Geld in die königlichen Kassen. Der König vergab die Konzession für die Herstellung der kostbaren Waren und beschränkte sich hier erst einmal auf die Königlich Preußische Manufaktur, die damit ein Monopol für die Herstellung von Porzellan besaß.  Erst als sich Preußen 1806 Napoleon geschlagen geben musste und sich nicht zuletzt deswegen gezwungen sah, 1810 eine ganze Reihe von Reformen zu verabschieden, wurde das anders. Die Gewerbefreiheit wurde eingeführt, und KPM verlor die Monopolstellung. Damit wurde es auf einmal möglich, Porzellan auch in anderen Gegenden herzustellen – unter anderem in Schlesien.

Schlesien, das liegt für uns heute weit entfernt. Es ist ein Teil Polens. Von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges gehörten aber weite Teile Schlesiens zu Preußen bzw. später zum Deutschen Reich. Von Berlin, dem damaligen Zentrum Deutschlands, liegt Schlesien gar nicht so weit weg. Die Entfernung zwischen Berlin und Breslau ist ungefähr so groß wie die zwischen Berlin und Bremen.  Aber das allein war natürlich kein Grund, ausgerechnet dort Porzellan herstellen zu wollen. Ausgedehnte Wälder, vor allem aber das Vorhandensein der für die Porzellanproduktion wichtigen Grundmaterialien, wie Feldspat und Quarz, begünstigten den raschen Aufbau einer Porzellanindustrie und das Entstehen der Porzellanregion Silesia. Porzellanregion? Genau. ‘Silesia’ ist durchaus eine Marke, aber es gab viele Manufakturen, die unter unterschiedlichen Namen bekannt wurden, alle aus derselben Region in Schlesien. Die ersten Werkstätten wurden 1820 gegründet, und anfangs entwickelte sich die Porzellanindustrie noch recht beschaulich. Gut dreißig Jahre später aber sah das ganz anders aus. 1855 arbeiteten 42,4 Prozent aller in Preußen in diesem Industriezweig Beschäftigten in Schlesien. KPM musste sich warm anziehen.

Allerdings bespielten die schlesischen Manufakturen zunächst noch einen ganz anderen Porzellanmarkt. Während KPM die uns noch heute bekannten prächtigen und repräsentativen Geschirre herstellte, mit dem Kaiser und Könige ihre Tafeln beluden, wurde in Schlesien anfangs vor allem so genanntes Gebrauchsgeschirr produziert, Porzellan also, dass sich auch weniger Wohlhabende durchaus leisten konnten. Diese Nische aber wurde schnell erweitert. Die schlesischen Fabriken begannen, Geschirr für Hotels herzustellen, und sicherten sich damit nicht nur einen recht stabilen Kundenkreis, sondern trugen auf diese Weise auch dazu bei, das Porzellan im 19. Jahrhundert bekannter zu machen, lagen die Hotels doch weit gestreut und erreichten viele Menschen.

Doch die schlesischen Werkstätten brachten viele kreative Geister hervor, die mehr wollten als das. Einzelne Manufakturen begannen daher bald, so genannte Waren des gehobenen Bedarfs herzustellen. Dazu gehörten Luxusgeschirre, Prunkvasen und Dekorationsgegenstände für anspruchsvolle Käufer — alles aus feinstem Porzellan natürlich.

Unternehmerischer Mut, der sich lohnen sollte, das zeigte sich bald. Damit begann eine Blütezeit des schlesischen Porzellans im Deutschen Kaiserreich, die erst einmal bis 1918 dauern sollte. Aber dies ist eine Geschichte, die es an anderer Stelle weiterzuerzählen gilt …

Stay tuned 😉

Die Tassen, mit denen alles begann

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