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Stricken in schwierigen Zeiten – die 1930er und 40er Jahre – Teil III

Wer strickte damals? Was? Und aus welchen Gründen?

Da müssen wir wieder etwas weiter vorn anfangen. Der erste Weltkrieg endete 1918, wenig mehr als zehn Jahre vor Beginn unserer Ära, die schon wieder eine Vorkriegs- und dann sogar eine Kriegszeit ist. Und dieser große Krieg zwischen 1914 und 1918 hat die Welt des Strickens in einer Weise beeinflusst, die kaum überschätzt werden kann.

Ein großer Teil der Frauen, die in den 1930er Jahren erwachsen waren, waren mindestens im Teenageralter während der Zeit des Ersten Weltkriegs, als Millionen von handgestrickten Dingen hergestellt wurden, teils aus patriotischen Gründen, weil Socken oder Handschuhe für die Soldaten an der Front eingefordert wurden. Teils aber auch, weil sie zu Hause gebraucht wurden, um an kalten Tagen warme Kleidungsstücke zu besitzen oder um modisch schick aussehen zu können, auch wenn die Mittel kriegsbedingt begrenzt waren.

Und modisch tat sich da einiges. Während des ersten Weltkriegs veränderte sich die Art, wie vor allem Frauen sich kleideten, ganz erheblich. Waren es zuerst noch Korsetts und Polsterungen unter vielen Schichten von Stoffen und Rüschen, die das Bild in Straßen und Salons bestimmten, war es spätestens zum Ende des Kriegs in üblich geworden, Kleidung zu tragen, die erheblich mehr Bewegungsspielraum ermöglichte. Natürlich auch zum Vergnügen, zum Spazierengehen, Radfahren oder Sporttreiben, aber auch, um einem Beruf nachzugehen und zu arbeiten. Die Männer, die an der Front waren, fehlten in den Betrieben und wurden schon damals durch Frauen ersetzt. Und auch wenn die Männer nach und nach ihre Plätze wieder einnahmen, als der Krieg vorbei war, gab es weiterhin viele berufstätige Frauen – nach dem Ersten Weltkrieg noch immer ein gesellschaftliches Novum, das einen ersten Höhepunkt in den 1920er Jahren erreichte.

Natürlich gab es auch damals schon vereinzelt Frauen in vergleichsweise gut bezahlten Berufen, Unternehmerinnen, Ärztinnen, aber vor allem arbeiteten die Frauen in den 1920er Jahren als Verkäuferinnen, Sekretärinnen, Lehrerinnen, Krankenschwestern. Das bedeutete, dass viele von ihnen sich jeden Tag gut gekleidet auf den Weg zur Arbeit machen mussten, für ihre Garderobe aber nicht viel Geld ausgeben konnten. Das ist einer der Gründe, warum Kleider, die lange Zeit sehr populärer Bestandteil der Damengarderobe waren, allmälhich an Beliebtheit verloren: Es war ganz schlicht wesentlich leichter, jeden Tag modisch, gepflegt und schick auszusehen in Rock und Pullover, die immer neu kombiniert werden konnten. Pullover begannen so in den 1920er Jahren, immer beliebter zu werden. Und natürlich waren sie handgestrickt — von der jungen Verkäuferin, der Sekretärin, oder von der fürsorglichen Mama.

Was wurde noch gestrickt?

Stricken hatte natürlich auch damals schon eine lange Tradition.  Bis zur Zeit des ersten Weltkriegs wurden Accessoires gestrickt, Unterkleidung oder vereinzelt auch schon mal etwas Bequemes für Zuhause. Gestrickte Oberbekleidung war noch etwas relativ Neues …

Wir haben schon gesehen, dass es ziemlich viele gestrickte Pullover und Jacken gab mit vielen schönen Mustern – und auch die Anleitungen dafür. Was außerdem gestrickt wurde, war Sportkleidung. Tennispullis oder solche für Golf hatten in Form, Farbe und Stil einen großen Einfluss auch auf die Mode, die nicht zum Sport, sondern einfach im Alltag getragen wurde. Gestrickt wurden übrigens auch Badeanzüge:

– beim Anblick dieser vergleichsweise braven Modelle dürfen wir nicht vergessen, dass dieser figurbetonte Stil noch neu war und als recht gewagt galt. Es gab in vielen Gegenden Gesetze, wie viel Haut am Strand gezeigt werden durfte und wieviel bedeckt sein musste.

Dann gab es auch gestrickte Unterwäsche. Da der Modestil der 1930er Jahre sehr figurbetont war, wurde die Unterkleidung aus sehr feinem Garn gearbeitet und saß sehr eng am Körper.

Menschen trugen damals sehr viel mehr ‚Schichten‘ an Unterkleidung als wir das heute tun – es gab Unterhemden, Leibchen, Mieder, Unterkleider — sowohl für Kinder als auch für Erwachsene. Einer der Gründe lag darin, dass es weitaus schwieriger war, Räume zu beheizen, als das heute der Fall ist. Ein anderer war, dass das Waschen von Wäsche in Waschküche und Kessel weitaus mehr Arbeit bedeutete als heute, und viele Fasern konnten nicht einfach so gewaschen werden. Unterwäsche war also da, um warmzuhalten, aber auch, um die Oberbekleidung vor Schweiß und Gerüchen zu schützen.

Diese Anzeige fand ich zufällig noch:

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Unterwäsche aus Shetland-Wolle. Nur zur Veranschaulichung …

Kinderkleidung wurde natürlich häufig gestrickt — Kinder wachsen ja so schnell …

Aber es wurde nicht nur für die Familie und damit für den Eigenbedarf gestrickt. Es gab auch Frauen, die sich und ihren Lieben ein zusätzliches Einkommen verschafften, indem sie für Geschäfte strickten.

Bisher hat sich in diesem Artikel das meiste um Mode und um Strickmodelle der Vorkriegszeit gedreht — Pullover, Sportkleidung, Wäsche. Aber um all diese Strickerinnen während der 1930er Jahre mit Material zu versorgen, brauchte es die Strickindustrie — und das waren vor allem die Hersteller von Strickgarnen.

Die Strickindustrie

Bisher hat sich — hoffentlich! — gezeigt, dass in den 1930er Jahren viel gestrickt wurde, von vielen erfahrenen Strickerinnen (und vereinzelten Strickern). Die Strickindustrie, zu der vor allem die Hersteller von Wolle und Garnen gehörten, bemerkte das wohl und versuchte, das Beste daraus zu machen, den Markt anzuheizen und damit möglichst gewinnbringend zu arbeiten. Dazu wurden im Wesentlichen 4 ganz unterschiedliche Mittel eingesetzt.

  • 1. Zeitschriften
  • 2. Designer
  • 3. Modeschauen
  • 4. Garne

Die Zeitschriften:

Die 1930er Jahre waren die große Zeit der Magazine und Zeitschriften, und das ist ein großes Glück für uns, die wir neugierig sind und uns mit dieser Zeit beschäftigen wollen. Noch besser ist es, das viele dieser Zeitschriften diese lange Zeit überlebt haben.

Diejenigen unter euch, die Strickanleitungen früherer Zeiten sammeln, wissen vermutlich, dass Anleitungen aus der Zeit nach dem Krieg noch recht häufig zu finden sind, es aber schon weitaus schwieriger ist, Strickhefte aus der Vorkriegszeit zu finden. Papier reagiert nicht gut auf Feuchtigkeit und schon gar nicht auf Feuer, und was nicht während des Krieges vernichtet wurde, fand später oft als Brennmaterial Verwendung, wurde von Mäusen gefressen oder einfach weggeworfen.

Was sich oben auf dem Bild mit den Magazinen recht gut erkennen lässt — ich habe hier Zeitschriften aus aller Welt benutzt, um nach Strickthemen oder Mustern zu suchen. Dafür gibt es im Wesentlichen zwei Gründe:

  1. Die Zeitschriften aus Europa, den USA oder Australien unterscheiden sich nicht wesentlich in ihrem Inhalt und ihrer Struktur, daher sind sie absolut vergleichbar. Was in Großbritannien modisch und schick war, fand sich auch in australischen Zeitschriften, und wenn auch damals der Unterschied in den Zeitzonen und im Klima vielleicht eine Rolle gespielt haben mag – in einem Zeitabstand von mehr als 80 Jahren ist das egal.
  2. Verfügbarkeit spielt eine entscheidende Rolle. ‚Australian Women’s Weekly‘ zum Beispiel ist beinahe vollständig archiviert, und dieses Archiv steht online zur Verfügung.

Zurück zu den Zeitschriften: in den 1930er Jahre boomte der Zeitschriftenmarkt. ‚Vogue Knitting‘ zum Beispiel wurde 1932 gestartet, und die oben gezeigten Cover von Australian Women’s Weekly, Petite Echo de la Mode und Monarch aus den USA sind nur einige der Magazine, die in jener Zeit ganz neu herauskamen. Sie kamen gerade rechtzeitig, um neue Modetrends und den gerade aktuellen Stil bekannter zu machen — und die Strickerinnen zu ermutigen, die neuesten Pullover für sich und ihre Familie zu fertigen.

All diese Magazine folgten mit ihrem Erscheinen nicht nur dem Trend, dass Stricken schick war und dass die Strickerinnen nach neuen Anleitungen und Mustern verlangten. Es gab auch noch eine andere Seite — nämlich eine Garnindustrie, die um ihr Überleben kämpfte in einer Zeit, in der niemand sein Geld leichtfertig ausgab. Immerhin befinden wir uns zu Beginn der 1930er Jahre noch immer mitten in der großen Depression oder nur kurz danach. Zeitschriften wie die oben gezeigten wurden entwickelt, weil es genügend Leserinnen gab, und weil die Garnhersteller diese Leserinnen irgendwo ‚treffen‘ mussten, um weiterhin so erfolgreich produzieren zu können, wie sie es beim ersten großen Strickboom während des Ersten Weltkriegs und in der Zeit danach getan hatten.

Es wurde weiter oben schon ein paarmal erwähnt: Gestrickte Kleidung, also Oberbekleidung wie Pullover oder gar Kleider, erlebten einen ersten Boom während des Ersten Weltkrieges und dann noch einen weiteren in den 1920er Jahren. Das wurde im angloamerikanischen Raum ‚The Knitting Craze‘ genannt — der Strickwahnsinn, die Strickverrückten … Dieser Trend verlor Ende der 1920er Jahre während der so genannten ‚Golden Twenties‘ etwas an Fahrt. Aber der große Börsenkrach 1929 veranlasste dann Strickerinnen auf der ganzen Welt dazu, wieder zu den Nadeln zu greifen: Es wurde ganz einfach Kleidung gebraucht — preiswert, modisch, strapazierfähig. Stricken war dabei eine Tätigkeit, die recht einfach auszuüben war. Keine Maschinen waren nötig, es brauchte nicht viel Platz in einer vielleicht nur kleinen Wohnung, und wo auch immer man hinging, das Strickzeug ließ sich mitnehmen. Selbst als die Wirtschaft weltweit auf dem Tiefpunkt angelangt war, um 1931 herum — alle Industrie, die mit Stricken zu tun hatte, blühte.

Das ‚Patriot Knitting‘ während des Ersten Weltkriegs hatte die Strickindustrie groß gemacht, während des so genannten ‚Knitting Craze‘ in den 20er Jahren wuchs das Geschäft weiter, und man war fest entschlossen, auch die Weltwirtschaftskrise und die Zeit danach erfolgreich zu überstehen. Zeitschriften waren dafür ein wichtiges Medium.

Eine der interessantesten Zeitschriften ist Australian Women’s Weekly. Das erste Heft erschien 1933, und es war sofort ein Hit, innerhalb weniger Jahre erschien die Zeitschrift mit einer Auflage von einer halben Million, und wir können davon ausgehen, dass es diese Zeitschrift in fast jedem Haushalt Australiens gab — gekauft, dann weiterverliehen an Mütter, Töchter, die beste Freundin, die Nachbarin, auch in Bibliotheken gab es sie.

All diese Zeitschriften beschrieben die vielen kleinen Dinge des Lebens, die wir heute noch in Magazinen lesen. Es darf ja nicht vergessen werden, dass die 1930er Jahre mit der Weltwirtschaftskrise begannen und mit einem schrecklichen Krieg endeten, dass dazwischen aber ein Alltag stattfand. Menschen heirateten, bekamen Kinder, lasen Bücher von Margaret Mitchell oder William Faulkner, hörten die Musik von Glenn Miller, sahen Filme mit Claudette Colbert oder Cary Grant und gingen überall auf der Welt zum Sport.

All diese Dinge wurden in vielen dieser Magazine beschrieben und von zahllosen Menschen gelesen. Hier präsent zu sein, war wichtig.

Ähnlich übrigens die Berliner Illustrirte Zeitung – hier mit dem großen Abend in der deutschen Botschaft …

Es ist sicher aufgefallen: Keine dieser Zeitschriften ist explizit eine Strickzeitschrift. Aber zwischen all diesen kleinen und großen Meldungen sehen wir Anzeigen und Modelle, die mit Strick zu tun haben — ganz offensichtlich interessierte das die Leserinnen dieser Magazine, und die Garnhersteller fanden hier ihre Kundinnen.

 

 

Vor Fernsehen und Internet war eine populäre Zeitschrift  d a s   Medium schlechthin. Stricken war populär in den 1930er Jahren, und die Macher dieser Magazine wussten, wie sie ihre Leser ansprechen und die Strickinteressierten mit der Garnindustrie zusammenbringen konnten.

Weiter geht es demnächst mit Teil IV, den Anfang wird dann die Rolle der Designer machen – stay tuned 😉

Stricken in schwierigen Zeiten – die 1930er und 40er Jahre – Teil II

Stricken hat meistens – nicht immer, aber doch üblicherweise — mit Mode zu tun. Farben, Material, all das ist abhängig von Trends und von Verfügbarkeit, was wiederum zusammenhängt: Was nicht im Trend liegt, ist oftmals auch schwer zu bekommen. Modetrends machen sich dabei nicht nur beim klassischen gestrickten Pullover bemerkbar, sondern  auch bei Accessoires oder Home Decor – eigentlich überall. Dabei genießt Mode kein besonders seriöses Image. Sie wird leicht als oberflächlich und kurzlebig abgetan – nichts, womit man sich ernsthaft beschäftigen könnte. Dabei steckt sehr viel mehr dahinter.

Um zu zeigen, was ich meine, habe ich einen kurzen Filmausschnitt ausgesucht.

Dieser Film ist „Die Zeitmaschine“ und entstand im Jahr 1960 in den USA. Der Film basiert auf einem Roman des berühmten Science Fiction Autors H.G. Wells, die Hauptrolle spielt Rod Taylor. Im Film wird die Geschichte eines viktorianischen Gentleman erzählt, dem es gelingt, eine Zeitreisemaschine zu entwickeln. Diese Maschine steht in seinem Wohnzimmer, von dem aus er während seiner Zeitreisen durch ein Fenster auf die Straße und das gegenüber liegende Modegeschäft blicken und so beobachten kann, wie er innerhalb eines Wimpernschlags Tage, Wochen und Jahre überwinden kann. Wie das aussieht – schaut selbst …

Was ich sehr faszinierend fand, als ich diesen Film sah, ist, dass die Filmemacher entschieden, das Vergehen von Zeit durch die Veränderung der Kleidung, der Mode zu zeigen. Offensichtlich waren sie der Meinung, dass es kaum etwas gibt, das einen bestimmten Zeitabschnitt so klar und eindeutig definiert, wie die Mode es tut.

Der Punkt ist — was Menschen tragen und wie ihre Kleidung gearbeitet ist, das spiegelt immer die kulturelle und technische Entwicklung einer bestimmten Zeit wider. Wie Menschen sich kleiden ist nicht nur eine Frage von Trends, Stilgefühl, persönlichem Geschmack und Haltung, sondern auch eine Sache der Politik, der Ideologie und der Wirtschaft. Welche Materialien waren verfügbar, was war technisch machbar, und was war notwendig für die Menschen in ihrem alltäglichen Leben?

Und was vielleicht für uns, die wir uns für Strickmode interessieren und ein Faible haben für alte Strickmuster und Modelle, noch wichtiger ist — es funktioniert auch andersherum: Wir verstehen besser, warum etwas — ein gestrickter Pullover oder ein Kleid — genau so aussah, wie es in den 30er und 40er Jahren eben getragen wurde und warum es eben genau so und nicht anders gemacht wurde, wenn wir wissen, wie das Leben damals war — was war notwendig im Alltagsleben, welche Mittel standen zur Verfügung und was war technisch machbar.

„Stricken in schwierigen Zeiten“ wird uns also zurückführen in die Jahre der Vorkriegszeit und in die Zeit des zweiten Weltkriegs, und es wird hoffentlich gelingen, ein bisschen vom Alltagsleben der Strickerinnen (und Stricker) damals zu erspähen — und die Strickmode etwas besser zu verstehen, indem wir mehr über den Alltag in jenen Jahren erfahren.

 

Überblick: Mode

Zwischen den 1920er und den 30er Jahren änderte sich die Mode ganz erheblich. Der jungenhafte Stil der 20er Jahre mit dem kurzgeschnittenen Bubikopf, den kurzen Röcken und den langen, geraden Pullovern, die die Figur eher kaschierten als betonten — das alles verschwand vollständig in bemerkenswert kurzer Zeit.

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Die Röcke wurden länger, hatten keine knieumspielende Länge mehr, sondern reichten bis etwa zur halben Wade hinunter und hatten ein hoch angesetztes Bündchen, Pullover saßen figurbetont und endeten oft auf Taillenhöhe. Die Veränderung, die dieser neue Stil mit sich brachte, war so bemerkenswert, dass ganze Lieder darüber geschrieben wurden:

Wenn die Elisabeth …” – in English its: “My friend Elisabeth …” ein Lied über ein Mädchen, das so traurig ist, weil sie ihre Beine nun unter den neuen langen Röcken verstecken muss, dass sie diese neue Mode absolut verabscheut … Es gab allerdings auch vorher schon Lieder über Mode und sogar über strickende Mädchen — dieses hier stammt aus der Zeit des 1. Weltkriegs:  „all the girls are busy knitting jumpers“ — aber das nur am Rande …

Alles in allem, hieß es, dass dieser neue, figurbetontere Modestil, der nun in den 30er Jahren aufkam, sehr viel fraulicher, weiblicher, eleganter und weicher wirkte als die Mode der eben vergangenen 20er Jahre — aber das ist nur ein Aspekt dieser neuen Silhouette.

Richtig ist, dass der perfekte Frauentyp jener Zeit in der Mode ungefähr so beschrieben werden kann: eher groß, schlank, mit langen Beinen, einer schmalen Hüfte und einer schmalen Taille. Alles natürlich verborgen unter den langen Röcken, den vielen Schichten von Stoff und Unterkleidung, aber dennoch gut erkennbar, denn die Mode der 30er Jahre war sehr figurbetont. Daher ist der Stil tatsächlich sehr weiblich, sehr weich in den Linien und weitaus eleganter als die freche Moder der ‚Flapper Girls‘ in den 1920ern.

 

So weiblich, zurückgenommen und elegant diese Mode aber auch war — es darf nicht vergessen werden, dass die Kleidung der frühen 30er Jahre noch immer eine Menge Bewegung erlaubte, verglichen mit dem, was ungefähr fünfzehn Jahre zuvor noch getragen wurde, während des 1. Weltkriegs.

1913
1919

Das heißt: Die sportliche Frau aus den 1920er Jahren, die sich gern draußen aufhielt, Tennis spielte oder Fahrrad fuhr, gab es in den 1930er Jahren immer noch. Und die Sportmode, die Pullover, die beim Tennis oder Golf getragen wurde, hatte einen großen Einfluss auch auf die Alltagsmode.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sport war im Alltag angekommen — er wurde als wichtiges Element angesehen, um gesund zu bleiben und jünger zu wirken. Auf die Modetrends der damaligen Zeit bezogen heißt das: der Look war sehr feminin, aber er passte auch zur sportlichen, aktiven Frau — die ein Ideal war, denn zu ihr passte die schmale, schlanke Silhouette. Folgerichtig griffen die Modemagazine diesen Trend auf und brachten schon in den frühen 1930er Jahren Tipps für gymnastische Übungen, die den Bauch flach und die Muskeln fest halten konnten — nicht sehr viel anders als heute …

 

Aber noch einmal zurück zu den Pullovern der 1930er Jahre und ihren neuen Linien.

 

Der neue elegante, aber gleichzeitig auch jugendliche und frische Modestil brachte natürlich auch seine eigenen Farben und Muster. In den frühen 1930er Jahren waren es vor allem Pastellfarben, die populär waren, aber auch natürliche Töne – und gelegentlich auch starke Kontrastfarben. Leider gibt es aus dieser Zeit nicht sehr viele colorierte Bilder, daher müssen wir uns meistens auf Beschreibungen im Text verlassen. Gelegentlich aber findet sich in alten Magazinen eine Anzeige oder ein Titelblatt, das in Farbe gedruckt wurde und daher ganz besonders beeindruckend ist — ein Original.

Die Passform der Pullover veränderte sich während der 1930er Jahre ein wenig. Zwar blieben sie im Wesentlichen kürzer als in den 20er Jahren, doch waren die Pullover Anfang des Jahrzehnts noch sehr figurbetont, doch wurden sie im Laufe der späteren Jahre etwas weiter und umspielten den Körper lockerer.

 

Vor allem Anfang der 1930er Jahre hatten Pullover eine Menge Details aufzuweisen — gestrickte Schleifen, üppige Kragen, besonders gemusterte vordere Einsätze oder Ärmel — hier waren vor allem die oben schon erwähnten Kontrastfarben sehr beliebt.

Diese komplizierten Muster und Schnitte zeigen, dass es sehr viele geschickte Strickerinnen (und vereinzelt auch Stricker) gegeben haben muss. Besonders beeindruckend ist dabei die Tatsache, dass die Modelle, die auf den ersten Blick kompliziert und aufwändig aussehen, in Magazinen mit sehr sparsamen Anleitungen zum Nachstricken angeboten wurden.

 

Oft enthalten die Anleitungen nicht viel mehr als „zweihundertsoundsoviel Maschen anschlagen“, eine Musterprobe gibt es fast nie, so etwas wie Nadelstärken oder Garnlängen fehlten völlig — einzig die Stärke des Garns wurde erwähnt. Alle Strickanleitungen waren bemerkenswert kurz und knapp gehalten.

Ganz offensichtlich wendeten sich solche Magazine an erfahrende und gut ausgebildete Strickerinnen. Was zu einem weiteren Exkurs führt: Wie kam es, dass die Strickerinnen in den 1930er Jahren so viel konnten?

 

Dazu mehr in Teil III — demnächst 🙂

Strickjacken – und das Stricken in schwierigen Zeiten

Die Rückkehr zu den Dirndljacken brachte mich dazu, mich wieder mit der Mode der 30er und 40er Jahre zu beschäftigen – der Strickmode und dem Stricken in der Vorkriegszeit und den Kriegsjahren. Dazu habe ich vor zwei Jahren einen Vortrag gehalten beim Strickfestival auf der dänischen Insel Fanö. In diesem Vortrag habe ich versucht, das Phänomen ‚Stricken‘ in den historischen Kontext der damaligen Zeit zu stellen – wer strickte damals, warum überhaupt – und natürlich: was wurde gestrickt. Da ich diesen Vortrag so vermutlich nie wieder halten werde, habe ich beschlossen, ihn hier häppchenweise zu veröffentlichen – und anders als die meisten anderen meiner Einträge wird dieser Vortrag auch auf Englisch abrufbar sein – das war die Sprache, in der er ursprünglich verfasst wurde. Wer mag, kann also in den nächsten Tagen und Wochen hier ein bisschen reinschnuppern in die Geschichte der Strickmode … stay tuned!