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Stricken in schwierigen Zeiten – die 1930er und 40er Jahre – Teil II

Stricken hat meistens – nicht immer, aber doch üblicherweise — mit Mode zu tun. Farben, Material, all das ist abhängig von Trends und von Verfügbarkeit, was wiederum zusammenhängt: Was nicht im Trend liegt, ist oftmals auch schwer zu bekommen. Modetrends machen sich dabei nicht nur beim klassischen gestrickten Pullover bemerkbar, sondern  auch bei Accessoires oder Home Decor – eigentlich überall. Dabei genießt Mode kein besonders seriöses Image. Sie wird leicht als oberflächlich und kurzlebig abgetan – nichts, womit man sich ernsthaft beschäftigen könnte. Dabei steckt sehr viel mehr dahinter.

Um zu zeigen, was ich meine, habe ich einen kurzen Filmausschnitt ausgesucht.

Dieser Film ist „Die Zeitmaschine“ und entstand im Jahr 1960 in den USA. Der Film basiert auf einem Roman des berühmten Science Fiction Autors H.G. Wells, die Hauptrolle spielt Rod Taylor. Im Film wird die Geschichte eines viktorianischen Gentleman erzählt, dem es gelingt, eine Zeitreisemaschine zu entwickeln. Diese Maschine steht in seinem Wohnzimmer, von dem aus er während seiner Zeitreisen durch ein Fenster auf die Straße und das gegenüber liegende Modegeschäft blicken und so beobachten kann, wie er innerhalb eines Wimpernschlags Tage, Wochen und Jahre überwinden kann. Wie das aussieht – schaut selbst …

Was ich sehr faszinierend fand, als ich diesen Film sah, ist, dass die Filmemacher entschieden, das Vergehen von Zeit durch die Veränderung der Kleidung, der Mode zu zeigen. Offensichtlich waren sie der Meinung, dass es kaum etwas gibt, das einen bestimmten Zeitabschnitt so klar und eindeutig definiert, wie die Mode es tut.

Der Punkt ist — was Menschen tragen und wie ihre Kleidung gearbeitet ist, das spiegelt immer die kulturelle und technische Entwicklung einer bestimmten Zeit wider. Wie Menschen sich kleiden ist nicht nur eine Frage von Trends, Stilgefühl, persönlichem Geschmack und Haltung, sondern auch eine Sache der Politik, der Ideologie und der Wirtschaft. Welche Materialien waren verfügbar, was war technisch machbar, und was war notwendig für die Menschen in ihrem alltäglichen Leben?

Und was vielleicht für uns, die wir uns für Strickmode interessieren und ein Faible haben für alte Strickmuster und Modelle, noch wichtiger ist — es funktioniert auch andersherum: Wir verstehen besser, warum etwas — ein gestrickter Pullover oder ein Kleid — genau so aussah, wie es in den 30er und 40er Jahren eben getragen wurde und warum es eben genau so und nicht anders gemacht wurde, wenn wir wissen, wie das Leben damals war — was war notwendig im Alltagsleben, welche Mittel standen zur Verfügung und was war technisch machbar.

„Stricken in schwierigen Zeiten“ wird uns also zurückführen in die Jahre der Vorkriegszeit und in die Zeit des zweiten Weltkriegs, und es wird hoffentlich gelingen, ein bisschen vom Alltagsleben der Strickerinnen (und Stricker) damals zu erspähen — und die Strickmode etwas besser zu verstehen, indem wir mehr über den Alltag in jenen Jahren erfahren.

 

Überblick: Mode

Zwischen den 1920er und den 30er Jahren änderte sich die Mode ganz erheblich. Der jungenhafte Stil der 20er Jahre mit dem kurzgeschnittenen Bubikopf, den kurzen Röcken und den langen, geraden Pullovern, die die Figur eher kaschierten als betonten — das alles verschwand vollständig in bemerkenswert kurzer Zeit.

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Die Röcke wurden länger, hatten keine knieumspielende Länge mehr, sondern reichten bis etwa zur halben Wade hinunter und hatten ein hoch angesetztes Bündchen, Pullover saßen figurbetont und endeten oft auf Taillenhöhe. Die Veränderung, die dieser neue Stil mit sich brachte, war so bemerkenswert, dass ganze Lieder darüber geschrieben wurden:

Wenn die Elisabeth …” – in English its: “My friend Elisabeth …” ein Lied über ein Mädchen, das so traurig ist, weil sie ihre Beine nun unter den neuen langen Röcken verstecken muss, dass sie diese neue Mode absolut verabscheut … Es gab allerdings auch vorher schon Lieder über Mode und sogar über strickende Mädchen — dieses hier stammt aus der Zeit des 1. Weltkriegs:  „all the girls are busy knitting jumpers“ — aber das nur am Rande …

Alles in allem, hieß es, dass dieser neue, figurbetontere Modestil, der nun in den 30er Jahren aufkam, sehr viel fraulicher, weiblicher, eleganter und weicher wirkte als die Mode der eben vergangenen 20er Jahre — aber das ist nur ein Aspekt dieser neuen Silhouette.

Richtig ist, dass der perfekte Frauentyp jener Zeit in der Mode ungefähr so beschrieben werden kann: eher groß, schlank, mit langen Beinen, einer schmalen Hüfte und einer schmalen Taille. Alles natürlich verborgen unter den langen Röcken, den vielen Schichten von Stoff und Unterkleidung, aber dennoch gut erkennbar, denn die Mode der 30er Jahre war sehr figurbetont. Daher ist der Stil tatsächlich sehr weiblich, sehr weich in den Linien und weitaus eleganter als die freche Moder der ‚Flapper Girls‘ in den 1920ern.

 

So weiblich, zurückgenommen und elegant diese Mode aber auch war — es darf nicht vergessen werden, dass die Kleidung der frühen 30er Jahre noch immer eine Menge Bewegung erlaubte, verglichen mit dem, was ungefähr fünfzehn Jahre zuvor noch getragen wurde, während des 1. Weltkriegs.

1913
1919

Das heißt: Die sportliche Frau aus den 1920er Jahren, die sich gern draußen aufhielt, Tennis spielte oder Fahrrad fuhr, gab es in den 1930er Jahren immer noch. Und die Sportmode, die Pullover, die beim Tennis oder Golf getragen wurde, hatte einen großen Einfluss auch auf die Alltagsmode.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sport war im Alltag angekommen — er wurde als wichtiges Element angesehen, um gesund zu bleiben und jünger zu wirken. Auf die Modetrends der damaligen Zeit bezogen heißt das: der Look war sehr feminin, aber er passte auch zur sportlichen, aktiven Frau — die ein Ideal war, denn zu ihr passte die schmale, schlanke Silhouette. Folgerichtig griffen die Modemagazine diesen Trend auf und brachten schon in den frühen 1930er Jahren Tipps für gymnastische Übungen, die den Bauch flach und die Muskeln fest halten konnten — nicht sehr viel anders als heute …

 

Aber noch einmal zurück zu den Pullovern der 1930er Jahre und ihren neuen Linien.

 

Der neue elegante, aber gleichzeitig auch jugendliche und frische Modestil brachte natürlich auch seine eigenen Farben und Muster. In den frühen 1930er Jahren waren es vor allem Pastellfarben, die populär waren, aber auch natürliche Töne – und gelegentlich auch starke Kontrastfarben. Leider gibt es aus dieser Zeit nicht sehr viele colorierte Bilder, daher müssen wir uns meistens auf Beschreibungen im Text verlassen. Gelegentlich aber findet sich in alten Magazinen eine Anzeige oder ein Titelblatt, das in Farbe gedruckt wurde und daher ganz besonders beeindruckend ist — ein Original.

Die Passform der Pullover veränderte sich während der 1930er Jahre ein wenig. Zwar blieben sie im Wesentlichen kürzer als in den 20er Jahren, doch waren die Pullover Anfang des Jahrzehnts noch sehr figurbetont, doch wurden sie im Laufe der späteren Jahre etwas weiter und umspielten den Körper lockerer.

 

Vor allem Anfang der 1930er Jahre hatten Pullover eine Menge Details aufzuweisen — gestrickte Schleifen, üppige Kragen, besonders gemusterte vordere Einsätze oder Ärmel — hier waren vor allem die oben schon erwähnten Kontrastfarben sehr beliebt.

Diese komplizierten Muster und Schnitte zeigen, dass es sehr viele geschickte Strickerinnen (und vereinzelt auch Stricker) gegeben haben muss. Besonders beeindruckend ist dabei die Tatsache, dass die Modelle, die auf den ersten Blick kompliziert und aufwändig aussehen, in Magazinen mit sehr sparsamen Anleitungen zum Nachstricken angeboten wurden.

 

Oft enthalten die Anleitungen nicht viel mehr als „zweihundertsoundsoviel Maschen anschlagen“, eine Musterprobe gibt es fast nie, so etwas wie Nadelstärken oder Garnlängen fehlten völlig — einzig die Stärke des Garns wurde erwähnt. Alle Strickanleitungen waren bemerkenswert kurz und knapp gehalten.

Ganz offensichtlich wendeten sich solche Magazine an erfahrende und gut ausgebildete Strickerinnen. Was zu einem weiteren Exkurs führt: Wie kam es, dass die Strickerinnen in den 1930er Jahren so viel konnten?

 

Dazu mehr in Teil III — demnächst 🙂

Stricken in schwierigen Zeiten – die 1930er und 40er Jahre – Teil I

(Dieser Text wie auch die demnächsten folgenden Teile basiert auf einem Vortrag, den ich 2015 über ‚Knitting in Difficult Times‘ gehalten habe)

Um die Strickmode der 1930er und 40er Jahre besser zu verstehen, würde ich gern ein paar Sätze über die Atmosphäre in jener Zeit voranstellen – sozusagen ein bisschen historischer Hintergrund für die Jahre vor dem 2. Weltkrieg.

Historical background

Die 1930er Jahre kamen gleich nach dem großen Börsenkrach von 1929, der heute als ‚Schwarzer Freitag‘ bekannt ist. Dieser Börsenkrach führte zu einer weltweiten Wirtschaftskrise. Viele Menschen verloren ihr Geld, ihre Ersparnisse, und was vielleicht am schlimmsten war – ganz viele verloren ihre Arbeit.

Diese Grafik hier veranschaulicht das besonders schön. Sie zeigt das wirtschaftliche Wachstum in Großbritannien während der 1930er Jahre — alle Säulen der Statistik zeigen nach oben, nur die für die Jahre 1930 und 31 zeigen nach unten – das waren wirtschaftlich betrachtet die schlimmsten Jahre.

Während dieser so genannten Großen Depression war Arbeitslosigkeit das Hauptproblem, das unmittelbare Folgen für den Alltag der Menschen hatte. Es gab kaum Arbeit, und die wenigen Jobs, die es gab, waren miserabel bezahlt. Sehr viele Menschen in der gesamten westlichen Welt — Europa, Nordamerika, Australien oder Neuseeland — waren sehr arm und konnten ihre Familien oft nur mit Mühe ernähren.

Suppenküchen wie die hier in Australien waren ein verbreiteter Anblick.

 

Die Große Depression erreichte ihre schlimmste Phase um 1932, als mehr als ein Drittel der Bevölkerung arbeitslos war. Kurz danach nahm die Wirtschaft langsam wieder Fahrt auf — in unterschiedlichem Maße, je nachdem, in welchem Land man sich befand — aber ehe es zu Stabilität kommen konnte und die Menschen zur Ruhe kamen, brach der zweite Weltkrieg aus.

Die 1930er Jahre begannen also mit der Weltwirtschaftskrise und endeten mit einem weltweiten Krieg, aber zwischen diesen beiden deutlichen Einschnitten in der Geschichte gab es, das darf man nicht vergessen, bei allen Menschen auch ein ganz normales Leben. Man verliebte sich und trennte sich wieder, man heiratete, bekam Kinder, freute sich, trauerte — Alltag eben.

Dieser Alltag wurde abgesehen von den persönlichen Lebensläufen, von der Gesellschaft geprägt, und hier gab es ganz gegensätzliche Einflüsse. Auf der einen Seite waren diese Jahre von Nationalismus der fatalsten Sorte geprägt, und es war eine sehr rückschrittliche Zeit. So gab es zum Beispiel Regierungsprogramme zur Beschaffung neuer Arbeitsplätze, die dafür warben, dass verheiratete Frauen nicht berufstätig sein sollten – ein Einkommen pro Familie sollte genügen. Dabei waren Frauen schon seit dem ersten Weltkrieg in den verschiedensten Berufen aktiv.

 

Auf der anderen Seite gab es Fortschritt und Weltläufigkeit. Die 1930er Jahre waren jene, in denen die Welt zum ersten Mal bedeutend enger zusammenrückte: Flugzeuge kamen als Transportmittel auf, und trotz der Tatsache, dass es noch immer mehr als einen Monat dauerte, um von Europa nach Australien oder Neuseeland mit dem Schiff zu reisen, war Charles Lindbergh nach seinem Atlantikflug eine Art Superstar geworden, und auch Frauen wie Amelia Earhart oder Elly Beinhorn flogen mit ihren kleinen Maschinen von Europa nach Afrika, nach Australien oder zu irgendeiner Insel, von der nie zuvor ein Mensch gehört hatte, und jeder konnte alle Einzelheiten darüber in Zeitungen wie der ‚Berliner Illustrierten‘ lesen — natürlich mit Fotos.

Das ist, in ein paar wenigen Sätzen, der historische Hintergrund für das Alltagsleben mit Strick, sozusagen, das hier das Thema ist.

Mehr dazu – und dann auch mehr mit Strick – gibt es im zweiten Teil. Fortsetzung folgt demnächst 😉

Strickjacken – und das Stricken in schwierigen Zeiten

Die Rückkehr zu den Dirndljacken brachte mich dazu, mich wieder mit der Mode der 30er und 40er Jahre zu beschäftigen – der Strickmode und dem Stricken in der Vorkriegszeit und den Kriegsjahren. Dazu habe ich vor zwei Jahren einen Vortrag gehalten beim Strickfestival auf der dänischen Insel Fanö. In diesem Vortrag habe ich versucht, das Phänomen ‚Stricken‘ in den historischen Kontext der damaligen Zeit zu stellen – wer strickte damals, warum überhaupt – und natürlich: was wurde gestrickt. Da ich diesen Vortrag so vermutlich nie wieder halten werde, habe ich beschlossen, ihn hier häppchenweise zu veröffentlichen – und anders als die meisten anderen meiner Einträge wird dieser Vortrag auch auf Englisch abrufbar sein – das war die Sprache, in der er ursprünglich verfasst wurde. Wer mag, kann also in den nächsten Tagen und Wochen hier ein bisschen reinschnuppern in die Geschichte der Strickmode … stay tuned!