Kategorie: Allgemein

Sommer mit Seide

Es ist heiß, ungewöhnlich heiß. Vielleicht ist es nicht einmal die Hitze, die ungewöhnlich ist, aber deren Dauer – ich kann mich nicht erinnern, dass es in den letzten Jahren einen Sommer mit so vielen regenlosen Tagen gab, an denen die Sonne tatsächlich unermüdlich von einem jeden Tag wieder strahlend blauen Himmel schien. Der Boden ist aufgebrochen, von Rissen durchzogen, das Gras braun, genau wie die Blätter, die jetzt schon unter unseren Füßen rascheln, wenn wir uns in den Morgen- oder frühen Abendstunden zwischen Feldern die Beine vertreten. Mensch und Tier brauchen Bewegung, Sommer hin, Hitze her.

Das Tier ist ein Trüffelschwein und schiebt die Nase unentwegt über den Boden, an den Pferdeäpfeln drängen wir ihn elegant vorbei – aber die Beeren, die auf dem Weg liegen, haben es ihm angetan. Sie sehen fast aus wie Brombeeren, wachsen aber an baumhohen Sträuchern – ob die essbar sind, oder gar giftig für das Tier? Stadtmenschen, die wir sind, haben wir keine Ahnung, und das lokale Wissen hält sich auch in Grenzen, also schlagen wir zu Hause nach. Und was entdecken wir? Wir sind Tag für Tag unter Maulbeerbäumen spazierengegangen. Maulbeerbäume! Die Historikerin in mir ist schlagartig hellwach – trotz 30 Grad im Schatten – und weckt die Faservernarrte gleich mit auf, die Visionen von feiner, schimmernder Seide hat. Im alten China wurde mit dem Tode bestraft, wer es wagte, Seidenraupen oder deren Eier außer Landes zu schmuggeln, und wozu wurden Maulbeerbäume hauptsächlich angepflanzt? Genau – als Futter für diese Tierchen, aus deren Kokons diese über Jahrtausende begehrteste aller Fasern gewonnen wurde. Und hier säumen diese Bäume Trampelpfade zwischen dürren Getreidefeldern in Brandenburgs Nirgendwo. Sowas!

21.000 Maulbeerbäume standen zur Regierungszeit des Alten Fritzen in der Umgebung des Schlosses Sanssouci, und jeder, der auch nur ein Fitzelchen Land zur Verfügung hatte, wurde seinerzeit genötigt, sich damit zu beschäftigen, auf dass Preußen unabhängig werden könnte von Importen aus dem Ausland, war Seide doch ein begehrter Stoff für elegante Roben und feine Wäsche. An der Seidenproduktion haben sich schon andere vor Friedrich II. versucht, aber er war derjenige, der dieses Projekt groß aufziehen wollte. Friedrich hat überhaupt eine Menge ehrgeiziger Projekte auf den Weg gebracht. So begründete er in Brandenburg mehrere Kolonistendörfer, um die Tuche für die Uniformen herstellen zu können, von denen große Mengen gebraucht wurden – Weber, Spinner, Färber wurden hier angesiedelt. Eines dieser Dörfer ist Schönwalde im Norden Brandenburgs, das heute zu Wandlitz gehört. Am Dorfeingang erinnert eine Büste an den prominenten Gründer des Ortes, und auch die Dorfstruktur zeigt den Gedanken, der dahinter stand: Gleich große Grundstücke für alle, ausreichend, um eine Familie zu ernähren, so lange die Frauen sich mit den Garnen beschäftigten, durften die Männer ein Handwerk ihrer Wahl ausüben. Auch Weinbau sollte betrieben werden – schließlich war Preußens König ein Mann, der einen guten Tropfen zu schätzen wusste. Und so wurden flugs auch gleich Terrassen für die Reben angelegt. Aber der Süden Brandenburgs ist nun einmal nicht das Rheintal oder die Mosel, und so ließ die Qualität der Trauben rein geschmacklich doch zu wünschen übrig, und ebensowenig, wie es den Alchemisten gelang, aus unedlen Zutaten Gold zu machen, ließ sich aus Preußens Trauben ein edler Tropfen gewinnen: Wein blieb in Preußen ein Nischenprodukt.

Ein ähnliches Schicksal befiel die Seidenraupenzuchtpläne, die Friedrich der Große gehegt hatte. Seine Landwirte hatten keine Erfahrung mit den empfindlichen Pflanzen, und das Klima war den Maulbeerbäumen ebenfalls nicht bekömmlich. Zu rau, zu kalt, zu windig. Maulbeerbäume stammen aus subtropischem Klima und brauchen wärmere Regionen, um sich wohlzufühlen, eine Umgebung,, die ihnen freundlich gesonnen ist und sie sanft behandelt – stürmisches Wetter mit Regenfronten ist nicht das, was ihnen behagt, und schneereiche Winter schon gar nicht. Sie bevorzugen es dann einzugehen. Und so wurde es nichts mit der Seidenproduktion in Preußen, denn wenn die kleinen Tiere ihre Leibspeise nicht bekommen, es also keine Maulbeerblätter für die Raupen gibt, dann gibt es auch keine Kokons. So war das. Keine Seidenmanufakturen für Preußen – oder jedenfalls nicht genug, um damit auftrumpfen zu können.

Das Interesse an Seidenproduktion ließ im Laufe der Zeit überhaupt nach, und so überlebten sich die Pläne allmählich. Übrig blieben nur die Maulbeerbäume. Immer mal wieder wurden ein paar nachgepflanzt, teils, weil man die Hoffnung nicht ganz aufgeben wollte, dass es doch noch etwas werden könnte mit der Seidenproduktion, teils, weil Maulbeeralleen einfach zum Landschaftsbild dazu gehörten, historisch betrachtet. Ein paar gibt es heute sogar noch, die vielleicht noch der alte Fritz persönlich gesehen hat, als sie noch kleine Setzlinge waren, Baumschulkinder sozusagen. Offenbar konnten sich diese Bäumchen anpassen.

Das wäre inzwischen vermutlich nicht einmal mehr nötig. Klimatisch wären wir jetzt angekommen, wie mir scheint, für die Maulbeerbaumzucht. Ich überlegte, mir ein solches Bäumchen anzuschaffen. Nicht für die Seidenproduktion, ich würde die Sache mit den Raupen und den Kokons nicht übers Herz bringen. Aber die Beeren sind lecker. Leider habe ich festgestellt, dass die Bäume nach etwa sieben Jahren zum ersten Mal Früchte tragen. Ich glaube, da fehlt mir die Geduld. Gehen wir also weiterhin unter den Maulbeerbäumen spazieren und freuen uns über den unerwarteten Fund an unerwarteter Stelle. Botanische Geschichte sozusagen. Faszinierend.

Ein Holzkästchen von 1919

Ganz schnell einmal zwischendurch ein neues Fundstück: Zufällig bemerkte ich vor ein paar Tagen auf einem Flohmarkt ein Holzkästchen, bei dem mir das schöne Rosenmotiv ins Auge fiel. Das Motiv scheint eingebrannt zu sein, eine sehr schöne Arbeit – und ich habe nun einmal eine Schwäche für Blumenmotive. Also hab’ ich es mitgenommen. Die Inschrift hinten hab ich dann erst zu Hause näher betrachtet. Eingebrannt ist die Beschriftung: Meißen, d. 21. November 1919. Mit Bleistift steht darunter ein Name, der nicht ganz so gut zu entziffern ist, aber ich nehme an, es heißt “Hedwig Schlechte”. Das war schon ganz schön viel Information, die von so einem kleinen Kästchen für die wissbegierige Sammlerin ausging. Noch interessanter machte das dann aber der Stempel, der auch noch hinten drauf steht:  “Specialgeschäft für häusliche Kunst Otto Birkner, Meißen”.

Otto Birkner gehörte zum damaligen Zeitpunkt ein Möbelhaus und eine Werkstatt für Kunsthandwerk in Meißen. Und wohl nicht irgendeine. Schon 1910 ist der Name auf der Mitgliederliste des Werkbundes zu lesen: “Birkner, Otto, jr., Kunstmöbelfabrik, Werkstätten für Kunsthandwerk, Meißen i. Sa.”

Wenn das kein interessantes Fundstück ist … es wird demnächst mein neues Zuhause verschönern 😉

Vintage Fashion – Gianni Versace Retrospektive im Kronprinzenpalais Berlin

Vintage Mode, das ist ja nicht nur die Mode der 20er, 40er oder 60er Jahre, auch die 80er Jahre gehören dazu. Und nicht nur diejenigen unter uns, die damals schon bewusst dabei waren, wissen ganz genau, dass die 80er mit ihren Schulterpolstern und Tellerröcken nicht nur die 40er und 50er Jahre zitiert haben, sondern daneben und darüber hinaus auch einen ganz eigenen Stil entwickelten. Dazu gehört neben den schon erwähnten Schulterpolstern viel Schwarz gemischt mit Knallfarben, viel Grafik auf Stoff, viel Kantiges und Schroffes, luxuriöse Materialien, Glanz und Glitter. Nicht umsonst waren Fernsehserien wie “Dallas” oder “Dynasty” (“Der Denver-Clan”) damals auf der Hitliste der TV-Serien ganz weit oben angesiedelt.

Und natürlich gehören zur Mode der 80er Jahre die großen Designer, die diese Zeit geprägt haben. Jil Sander und Giorgio Armani (erinnert sich noch jemand an ‘American Gigolo’, mit dem Richard Gere groß rauskam? Armanis große Stunde …), die für edle, monochrome Stoffe und schlichte, elegante Linien standen. Und dann Gianni Versace, der die andere Seite des Spektrums bediente.

Wo Sander und Armani in Variationen von Beige, Taupe und Grau schwelgten und vermutlich noch ein paar Farbschattierungen in diesem Bereich dazu erschufen, bevorzugte Versace starke Kontraste: grellbunte Farben gegen Schwarz, fließende Seidenstoffe gegen festes Leder. Das war vielleicht die einzige Gemeinsamkeit der großen Modeschöpfer der 80er Jahre: Die Materialien. Edel mussten sie sein. Kaschmir, Seide, weiches Leder. Wo die Kollegen sich allerdings eher in vornehmer Zurückhaltung übten, ging Versace in die Vollen. Bunte Drucke auf seidenen Hemden (war er eigentlich der Erste, der so etwas wie Comics auf Hemden und Shirts abbildete?), wilde Kombinationen von Raubtiermustern und Floralem, dazwischen schottische Karomuster, die an Schuluniformen erinnern. Und immer wieder Leder: In Schwarz, geschnürt, mit Schnallen. Kontraste eben, das Bunte und das Dunkle, Überschwang und Dämpfung, Zartes und Hartes. Herausforderung pur. Ein Psychologe hätte sicher seine Freude daran.

In Berlin hatte Versace 1994 das erste Mal eine Ausstellung, zu einer Wiederholung kam es nicht, drei Jahre danach wurde er ermordet.  Jetzt, gut zehn Jahre nach seinem Tod, wird hier erneut seine Mode gezeigt, in einer Retrospektive mit Modellen aus den 80er und frühen 90er Jahren. Und wunderbarerweise habe ich es geschafft hinzugehen.

Faszinierend ist so ein Ausflug in die Modegeschichte immer, und selbst zu sehen, wie Stoffe, Farben und Schnitte bei einem Kleid, einem Anzug wirken, wenn sie direkt vor einem stehen, stellt einfach jede Abbildung in den Schatten. Anders als bei Jil Sander und Armani, deren Modelle – abgesehen von den Schnitten – irgendwie zeitlos wirken, scheint mir keiner so sehr die 80er und auch noch die frühen 90er Jahre zu repräsentieren wie eben Versace. Die Herrenhemden mit den überbreiten Schultern, den schmalen Taillen, die Designs, in denen sich Hermès-Tücher mit Hawaiihemden gepaart zu haben scheinen – genau so oder doch so ähnlich war es damals überall zu sehen. So zeigten es uns Madonna, Elton John und natürlich die Supermodels Claudia Schiffer, Naomi Campell und all ihre Kolleginnen. Im Fernsehen, im Kino, in den Zeitschriften, teilweise auch auf der Straße. Die 80er Jahre, das war Versace mit all dem Luxus, der grellen Buntheit, den harten Kontrasten. Und eben weil die Mode so typisch ist für jene Zeit, wirkt sie heute vielleicht so ‘dated’. Damals im Überfluss überall präsent, wurden die bunten Drucke und die gewagten Kombinationen vielfach kopiert, und eben deswegen entsteht vielleicht auch das Gefühl, das alles genau so schon einmal gesehen zu haben. Wenn nichts eine Epoche so eindeutig definiert wie die Mode, die zu der Zeit getragen wurde, dann definiert eben auch nichts so sehr die Mode, wie die Zeit, in der sie entstanden ist.

Wer sich selbst einen Eindruck verschaffen möchte: Die Retrospektive ist noch bis 13. April zu sehen im Kronprinzenpalais, Unter den Linden 3 in 10117 Berlin

The Marvelous Mrs. Maisel (Serientipp …)

Ich gebe zu, die Serie gibt es schon seit ein paar Tagen. Wochen. Monaten inzwischen. Aber ich musste sie mir erst einmal ganz ansehen. Und da ich dann unbedingt weiter sehen wollte, dauerte es etwas, bis die Zeit zum Schreiben da war. Aber jetzt:

New York, Upper West Side, in den 50er Jahren. Schick, elegant, wer weiblich ist und Geld hat, trägt Dior und Signalfarben, Handschuhe und Pfennigabsätze, und die haarspraygestählte Frisur hält, genau wie das Make-up, auch noch in der Nacht. Jedenfalls so lange, bis der Gatte auf der anderen Seite des Bettes fest schläft, dann schleicht sich die gut organisierte musterhafte Ehefrau nämlich unbemerkt ins Bad, schminkt sich ab und trägt die Nachtpflege auf, die – selbstredend – wieder durch perfektes Make-up ersetzt ist, ehe der Gatte sich nach dem Weckerklingeln den Schlaf aus den Augen gerieben hat.

Dass das bonbonbunte Seriensahnestückchen “The Marvelous Mrs. Maisel” mit Schein und Sein, mit der äußeren Fassade und dem brodelnden Inneren spielt, dürfte spätestens nach dieser Szene jedem klar sein. In den 50ern hatte man zwar die Schrecken des Kriegs vergessen machen wollen durch eine Organisation des Alltags, der bis ins letzte Detail makellos zu sein hatte, die Frauen, die im Krieg harte Arbeit geleistet hatten, wurden von der Pariser Haute Couture wieder in zarte Blüten verwandelt, deren Hauptaufgabe es zu sein schien, das Leben des Mannes zu schmücken, zu bereichern und zu erleichtern. Und mittendrin Miriam “Midge” Maisel. Tochter aus gutem Hause, verheiratet und Mutter zweier Kinder, stellt sie die Bilderbuchfrau der späten 50er Jahre dar: Stets gepflegt, elegant vom makellos perfekt frisierten Haar bis in die Spitzen ihrer hocheleganten Pumps, ein Bild wie aus dem Modemagazin. Doch die späten 50er Jahre lassen schon die aufbegehrenden 60er erahnen. Camus und Sartre hatten ihre epochalen Werke schon veröffentlicht, in den Jazzclubs trafen Existentialisten auf Beatniks. Dazu möchte auch Joel gehören, der Mann an Mrs. Maisels Seite. Tagsüber geht er in der Firma seines Vaters brav einem langweiligen Bürojob nach, abends versucht er sich in einem Kellerclub als Stand Up Comedian, begleitet, unterstützt und gecoacht natürlich von Midge. Doch dann platzt die Idylle: Joel hat eine Affäre mit seiner Sekretärin, und Midge? Midge betrinkt sich, fährt in den Club, in dem sie zahllose Male mit Joel gewesen ist und seine Auftritte beobachtet hat, will sich ihren Kummer und ihren Zorn von der Seele reden, stellt sich auf die Bühne, und – der Rest ist Geschichte, und darin kommen Applaus, nackte Brüste, eine Arrestzelle und die Aussicht auf eine völlig andere Art von Leben vor. Aber das geht natürlich nicht einfach so.

Die Frau hinter dieser Serie ist Amy Sherman-Palladino, aus deren Feder schon die Gilmore-Girls hervorgangen sind, und ein bisschen Lorelai steckt auch in Mrs. Maisel. Wie das Mutter-Tochter-Paar aus Connecticut lebt auch die Geschichte von Midge von Wortwitz, Timing und Tempo. Aber Mrs. Maisel ist es anzumerken, dass auch Amy Sherman-Palladino reifer geworden ist. Waren die Gilmore-Girls schlagfertig und optimistisch, kommt bei Midge Maisel zu dieser bewährten Mischung noch eine gehörige Portion Bissigkeit dazu.

Die Geschichte der “Marvelous Mrs. Maisel” spielt zwar im New York der 50er Jahre, und natürlich ist das ein “period movie” mit viel Liebe zum Detail in Ausstattung und Kostüm, ein Fest fürs Auge. Und natürlich sind viele Szenen überzogen, daraus bezieht die Serie einen großen Teil ihres Witzes. Trotzdem ist die Geschichte nicht in den 50ern verhaftet, sondern hält uns allen einen Spiegel vor. Hat sich wirklich so viel geändert in der Grundstruktur der Gesellschaft seit damals, abgesehen davon, dass wir keine Hüftmieder und Lockenwickler mehr tragen müssen? Ich war mir beim Anschauen zuweilen gar nicht so sicher. Das macht aber nichts. Ganz im Gegenteil.

Eine großartige Serie. Rachel Brosnahan als Mrs. Maisel (ich habe eine ganze Folge gebraucht, um in ihrem Gesicht das von Rachel aus “House of Cards” wiederzuerkennen) ist perfekt in dieser Rolle und hat mit Alex Borstein eine Partnerin, mit der sie in guter alter Screwball-Tradition blitzgescheites Wort-Pingpong spielen kann. Hoffentlich kann die zweite Staffel halten, was die erste versprochen hat. Keep your fingers crossed!

Seit dem 26. Januar gibt es Mrs. Maisel bei amazon auch in einer deutschen Synchronfassung zu sehen. Ich empfehle allerdings unbedingt das Original 🙂

 

 

Stricken in schwierigen Zeiten — die 1930er und 40er Jahre — Teil IV

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Wir waren stehengeblieben bei den Wegen, die die Garnhersteller einschlugen, um möglichst viele Kunden an sich zu binden …  (für die Vorgeschichte bitte Teil III nachlesen 😉 Danke!)

Designer:

Zur selben Zeit waren die ersten bedeutenden Designer für Strickmode auf dem Höhepunkt ihres Erfolges. Sie haben Klassiker gefertigt, die heute noch beliebt und gefragt sind. Zum Beispiel der Pulli mit dazu passender Jacke, den Otto Weisz 1934 für das schottische Label Pringle entworfen hat, eine Kombination, die heute als Twinset bekannt ist. Vor allem in den 1950er Jahren und dann wieder in den 80ern war das Twinset häufig zu sehen, entworfen aber wurde es in der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg.

Leider ist über Otto Weisz so gut wie nichts mehr bekannt, die Zeit hat ihn quasi verschluckt. Andere Designer aus jener Zeit dagegen sind auch heute noch ein Begriff. Die bekannteste von allen war wohl

Gabrielle ‘Coco’ Chanel

Chanel
Über Gabrielle Chanel sind inzwischen einige Filme gedreht worden, und noch mehr Bücher sind über sie erschienen, trotzdem hier noch einmal ein paar der wichtigsten Daten, so weit es ihre Rolle als Strickdesignerin betrifft.

Chanel arbeitete als Näherin und hatte ein Geschäft für Hutmoden. Damit bewegte sie sich durchaus in einem für Frauen als angemessenen betrachteten Berufsbereich – aber Chanel wollte und konnte mehr. Sie war in mehr als einer Hinsicht bereit, die ausgetretenen Pfade der Damenmode zu verlassen.


Dies ist eines meiner Lieblingsbilder von ihr – es zeigt sie in der Kleidung ihres ‘Boyfriends’.

Nun konnte eine Dame in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts vielleicht  irgendwo im privaten Kreis bequeme Männerkleidung tragen, doch allgemein war eine solche Bekleidung nicht gesellschaftlich akzeptiert. Insofern erscheint es nur logisch, dass Chanel auf der Suche nach schlichter und angenehm zu tragender Kleidung für Frauen auf den Gedanken kam, Strickmaterialien zu verwenden.


Strickkleidung bedeutete nicht nur ein schlichteres Design, sondern auch schlichteres Material. Der Legende nach fing alles damit an, dass der französische Hersteller Rodier einige Ballen Jersey gekauft hatte, um daraus Sportkleidung zu fertigen, aber der Stoff verkaufte sich nicht. Chanel erwarb diese Ballen Jersey zu einem sehr günstigen Preis und machte daraus Kleider und Kostüme für Frauen. Und die verkauften sich nicht nur gut, sie markierten auch den Beginn einer der erfolgreichsten Karrieren im Modegeschäft.


Chanel, die Französin, schaffte es mit einem ihrer Modelle in eines der ersten Hefte des Australian Women’s Weekly — aber mindestens genaus interessant ist es, dass Chanel zum ersten Mal veröffentlichte in einem amerikanischen Magazin: Harpers Bazaar von 1916.

Selbst ihre einfachsten Modelle waren zeitlos und inspirierten mehrere Generationen.

Einen ganz anderen Stil als die schlichte, zeitlose Eleganz der frühen Chanel-Modelle verfolgte
Elsa Schiaparelli

Für mich war Chanel immer eine Modedesignerin, die kunstvoll Kleider entwarf.  Im Gegensatz dazu erscheint mir Elsa Schiaparelli als eine Künstlerin, die zufällig auch Mode machte.

Elsa Schiaparelli wurde in Rom geboren, kam aber schon als ganz junge Frau nach Pairs. Wo Chanel nach schlichten Linien suchte, gefielen Schiaparelli ausgefallene, ‘shocking’ Entwürfe. Zu ihren Freunden gehörte auch Salvatore Dalì — und einige ihrer Modelle lassen erahnen, wo sich die Vorstellungswelt dieser beiden Künstler berührte.

Mit Elsa Schiaparelli gibt es ein Interview darüber, wie man auch mit kleinem Einkommen zeitlos schick gekleidet sein kann.

Und so ein Satz aus dem Mund einer Frau, die Modelle wie diese entwarf – und das sehr erfolgreich. Hier das so genannte Skeleton-Dress:

Oder dieses

Und nicht zu vergessen der “Shoe-Hat”:

Für die Strickmode waren längerfristig vor allem zwei ihrer Entwürfe sehr bedeutsam und zukunftsweisend. Einmal die so genannte “Mad Cap”, hier getragen von Katherine Hepburn. Die “Mad Cap” war eigentlich eine gestrickte Röhre, die sich beliebig legen, biegen und falten und so in zahlreichen verschiedenen Formen tragen ließ.

Das zweite sehr populäre Strickdesign war der so genannte “Trompe l’oeil sweater”. Diese Art der Intarsienstrickerei kam sehr viel später noch einmal in einem großen Boom wieder, in den 1980er Jahren nämlich.



Beide, Chanel und auch Schiaparelli, erhielten einen Ruf nach Hollywood, um dort Filmkostüme zu entwerfen — aber keine von ihnen wurde dort sehr glücklich, es gelang ihnen nicht, sich mit der Filmarbeit zu arrangieren. Beide kehrten nach kurzer Zeit zurück nach Europa.

Fashion Shows – Modenschauen

Was Garnhersteller noch in hohem Maße verfeinert haben, um Strickmode und damit auch das Stricken noch populärer zu machen, das waren Modenschauen. Ein gutes Beispiel dafür ist der Garnhersteller Coats & Clark.

Coats & Clark verkauften zuerst Baumwolle, ab 1936 dann auch Wolle. Die meisten Anleitungen, die Garnhersteller verbreiteten und empfahlen, waren Anleitungen für Kleider oder Kostüme, denn eine Strickerin brauchte zwei oder dreimal so viel Garn für ein Kleid mit einem langen, feinen Rock, wie es in den Dreißigern getragen wurde, als sie es für das Herstellen eines der kurzen, eng auf Figur sitzenden Pullover gebraucht hätte. So hat Coats damals neue Designs präsentiert – click here:

Außer Wolle und Baumwolle gab es in den 30er Jahren noch etwas Neues, Sensationelles und daher Topmodisches: Eine Kunstseide, die Rayon genannt wurde.

Rayon war schon im späteren 19. Jahrhundert entwickelt worden, doch bis es in die Massenproduktion ging, das dauerte noch etwas. 1905 produzierte die britische Seidenmanufaktur Samuel Courtauld & Company Rayon, 1911 begann mit der American Viscose Corporation die Herstellung auch in den Vereinigten Staaten. Rayon muss damals etwas Ähnliches gewesen sein wie unsere heutige Viskose – eine Mischung aus natürlichen und chemischen Bestandteilen: Teile der Baumwollpflanze wurden weiterverarbeitet und mit Kupfersalzen und Ammonium behandelt.

Rayon wurde damals als Kunstseide beworben, und so ähnlich muss es sich angefühlt und ausgesehen haben: Glatt, schimmernd … So weit ich es verstanden haben, funktioniert Rayon aber am besten, wenn es mit anderen Fasern vermischt und dann verarbeitet wird, denn es verträgt Wasser nicht gut — die Faser quillt auf und verliert die Form, so dass Geschichten aus den 30er Jahren überliefert sind, in denen die Trägerin eines aus Rayon gestrickten Pullovers oder Kleides durchaus Probleme bekommen konnte, wenn sie in einen Regenschauer geriet – und ihre Bekleidung lang und immer länger wurde ….

Es gab also Strickzeitschriften, namhafte Designer, Modenschauen und viele interessante neue Garne, die den Strick-Hype in den 30er Jahren befeuerten — doch die Garnhersteller taten noch mehr, um Käuferinnen zu gewinnen und zum Stricken zu animieren.

Schauspielerinnen und andere Stars und Sternchen wurden überredet, in der Öffentlichkeit zu stricken, Strickmode zu tragen — und sich dabei fotografieren zu lassen. Mode und Trends wurden damals nicht viel anders beeinflusst als heute: durch Filme, Medien, Schauspieler, Sportidole. Wenn also jemand Berühmtes sich in einem schönen gestrickten Pullover zeigte, konnte es keinen Zweifel mehr geben, dass Strickmode trendy war – und damit wollte jeder Strickmode haben und tragen. Ein paar Berühmtheiten, die sich strickend oder in Strick ablichten ließen, waren der deutsche Boxer Max Schmeling, die norwegische Eiskunstläuferin Sonja Henie, Ronald Reagan und seine damalige Ehefrau, die Schauspielerin Jane Wyamn, Rennfahrerin Elly Beinhorn, Ginger Rogers, Cary Grant …

Wir können also sagen, dass überall auf der Welt in den 1930er Jahren damit beschäftigt waren, Kleidung zu stricken — um modisch up-to-date zu sein, und das zu einem möglichst günstigen Preis, denn die Weltwirtschaftskrise war deutlich spürbar. Und die Strickindustrie war damit beschäftigt, die nötigen Materialien zur Verfügung zu stellen — Garne, Anleitungen, was immer gebraucht wurde.

Am Ende dieses Jahrzehnts bekamen alle diese engagierten und erfahrenen Strickerinnen noch weit mehr zu tun — und die Strickindustrie kam an ihre Grenzen in dem Bemühen, all das anbieten zu können, was gebraucht wurde.

Stay tuned 🙂

 

 

 

Lesetipp: Ein Zwanziger-Jahre-Krimi – Emma Schumacher und der verschwundene Professor

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Ich weiß nicht genau, wann ich das letzte Mal einen Roman zum Lesen empfohlen habe, das muss schon eine ganze Weile her sein. Vielleicht liegt es daran, dass ich im Laufe eines langen Lese-Lebens schon so viel gelesen habe, dass ich nicht mehr so schnell begeistert bin wie einst. Jedenfalls lese ich immer noch, aber hauptsächlich Sach- und Fachbücher, die – das muss ich vielleicht erklärend anfügen – für mich ebenso viel Unterhaltungswert haben können wie ein Roman, wenn mich das Thema interessiert. Und es gibt eben viele Themen, die mich interessieren …

Belletristik verlockt mich nur noch selten. Insofern war es ein glücklicher Umstand, dass ich  “Emma Schumacher und der verschwundene Professor” von Andrea Instone überhaupt gelesen habe. Erstens, weil er eigentlich gar nicht meinem literarischen Beuteschema entspricht, denn ich dachte immer, ich wäre durch mit Kriminalromanen. Und zweitens, weil ich, nachdem ich einmal angefangen habe, ihn mit großem Vergnügen gelesen habe.

Worum geht’s?

Emma Schumacher, gerade zwanzig Jahre alt, führt in den 1920er Jahren seit dem frühen Tod ihrer Mutter in England ein behütetes, aber auch ein etwas langweiliges Leben bei ihrer Großmutter. Ihr Alltag besteht überwiegend darin, kleine Besorgungen zu erledigen und es gleichzeitig zu vermeiden, in die Spannungen zwischen der ebenso liebe- wie würdevollen Großmutter, der lebenslustigen Tante und deren Freunden zu geraten. Ihren Vater sieht sie selten.  Er lebt in Deutschland und geht als Professor  ganz in seiner Arbeit als  Ägyptologe an der Universität  Bonn  auf. Die innige Beziehung zwischen Vater und Tochter wird, abgesehen von Emmas jährlichen Besuchen, vor allem durch einen sehr persönlichen Briefwechsel aufrecht erhalten. Und so fällt es Emma sofort auf, als die Briefe ihres geliebten Vaters auf einmal etwas sonderbar erscheinen. Emma hegt den dringenden Verdacht, das da etwas nicht stimmt, nimmt ihren Mut zusammen und begibt sich ganz außerplanmäßig auf die Reise nach Bonn, wo sie, unterstützt von zwei Tanten, einem väterlichen Franzosen, einem charmanten Engländer und der Polizei, sich nicht nur plötzlich umschwärmt sieht von gleich mehreren interessanten jungen Männern, sondern auch hilft, kriminelle Machenschaften aufzuklären. Am Ende der Geschichte hat sie einen großen Schritt in ein selbstständiges, erwachsenes Leben getan, neue Menschen kennengelernt, und vor allem: ein bisschen besser sich selbst.

Andrea Instone hat in ihrem ersten Roman die Stimmung der Zwanziger Jahre gekonnt eingefangen – selbst im damals noch etwas provinziellen Bonn muss das eine bewegte Zeit gewesen sein: Der Erste Weltkrieg war noch nicht lange vorbei,  der Kaiser hatte abgedankt, die Frauen trugen kurze Röcke und kurze Haare und gingen bezahlter Arbeit nach, die Menschen wollten das Leben wieder genießen, als ahnten sie, dass dieser frische Wind nicht lange anhalten würde. Aber so weit sind wir ja noch nicht …

Andrea ist Bonnerin und kennt sich ganz offenbar nicht nur in ihrer Geburtsstadt gut aus, das ist ihrem Roman anzumerken. Jeder, der ihren Blog “Michou (loves vintage)”  kennt, weiß, dass sie sich auch ausführlich mit der Mode der 20er, 30er und 40er Jahre beschäftigt hat und auch mit der Rolle der Frau, nicht nur zu jener Zeit.  Alles das trägt dazu bei, ihren ersten Roman zu einer dicht erzählten Geschichte zu machen, in der Lokalkolorit und Zeitkolorit auf das Angenehmste miteinander verschmelzen. Und sie kann schreiben. Das zeigt sich in einem ganz eigenen Stil – ein wenig der Zeit angepasst, in der die Geschichte spielt. Langsamer als in vielen anderen Romanen, die aktuell veröffentlicht werden, unaufgeregter wird die Geschichte entwickelt, deswegen aber nicht weniger spannend. Wer allerdings bei einem Krimi Thrilleratmosphäre und blutige Details sucht, kommt hier nicht unbedingt auf seine Kosten. “Emma Schumacher und der verschwundene Professor” spielt nicht nur in den 20er Jahren, er ist auch in Sprache und Erzählweise beeinflusst vom Tempo vergangener Zeiten. Mir gefällt das. Ich habe den Roman so gelesen, wie ich das früher auch mal gemacht habe – bei einer Tasse Tee, während der Arbeitspause am Nachmittag. Fast hatte ich vergessen, wie entspannend das sein kann.

Ich bin gespannt auf die nächsten Bände – und was in Bonn wohl so los gewesen ist in den späteren Zwanziger und den Dreißiger Jahren. Und wie Emma sich dabei schlägt. Ganz sicher werde ich mitlesen 😉